dt. Interview

Interview mam Kathleen Weise

Weise_2019

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für diese Fragen nehmen!
(Vielen Dank für die Fragen)

Wann haben Sie bemerkt, dass Sie ein Talent zum Schreiben haben?
Zuerst war das Bedürfnis da, sich durch Schreiben auszudrücken. Wie bei vielen Autoren war das Schreiben schon in der Schulzeit ein Hobby, Aufsätze schreiben fiel mir leicht. Später kam dann Anerkennung in Schreibwerkstätten für Jugendliche und durch Schreibwettbewerbe. Dass mein Talent möglicherweise über ein Hobby hinausreicht, hat sich erst viel später gezeigt.

Wie hat sich Ihr Leben nach den ersten Veröffentlichungen verändert?
Wurden Sie vom Erfolg überrascht?
Da ich immer als freie Lektorin und Autorin gearbeitet habe, war auch die persönliche Veränderung nicht überraschend, ich hatte ja keinen Job, den ich gekündigt habe, nachdem die ersten Bücher veröffentlicht wurden.
Die größte Veränderung war sicher, wie man sich selbst sieht. Vielen Autoren fällt es schwer, ohne Veröffentlichung zu sagen, sie sind Autoren, weil sie glauben (und das auch oft so suggeriert wird), dass sie sich nur so nennen dürfen, wenn sie etwas vorzuweisen haben. Es hat lange gedauert, bis ich ohne Zögern sagen konnte: Ich bin Autorin. Dieses Selbstbewusstsein kommt oft mit einer gewissen Zahl an Veröffentlichungen.
Obwohl das eigentlich nicht so sein sollte. Autor ist man, wenn man schreibt, wenn man etwas sagen möchte mit seinen Texten. Das gilt für Hobbyautoren wie für Berufsautoren, unabhängig davon, ob die Texte veröffentlicht sind.

War es schwierig für das erste Buch einen Verlag zu finden?
Das erste Buch ist nie veröffentlicht worden. Wie viele Kollegen habe ich eine Reihe Romane geschrieben, die ich entweder gar nicht angeboten habe oder die abgelehnt wurden und nie erschienen sind. Kein Wunder, ich war damals noch sehr jung und musste noch eine Menge lernen.
Die erste Romanveröffentlichung erschien bei Beltz & Gelberg über persönlichen Kontakt, da mich ein befreundeter Autor empfohlen hat. Nach der ersten Veröffentlichung war es dann einfacher, andere Projekte zu platzieren, weil bereits eine Referenz da war. Heute arbeite ich mit einer Agentur zusammen.

Was ist für Sie der schwierigere Moment – den ersten Satz zu schreiben oder den letzten?
Für mich definitiv der erste. Den letzten habe ich oft schon sehr schnell im Manuskript stehen, den Anfang schreibe ich häufig um. Der erste Satz bzw. Abschnitt fängt den Leser ein, das ist schwieriger als ihn mit dem letzten Satz zu entlassen, wenn er das Leseabenteuer bereits hinter sich hat. Er setzt den Ton für das Buch.
Das ist übrigens der erste Satz des neuen Buches: „Zum ersten Mal in seinem Leben hofft Sam auf ein Wunder.“ Zumindest bis jetzt.

Haben andere Autoren Sie beeinflusst – und wenn ja: Wie?
Es gibt eine Reihe Autoren, die ich sehr bewundere und von denen ich gelernt habe. Allerdings auf zwei Ebenen. Einmal als Mensch und dann wieder als Autorin. Nicht alle Autoren, deren Bücher mich menschlich verändert haben, waren stilistisch Vorbilder für mein eigenes Schreiben.
Am meisten beeindruckt bin ich sicher von Anne Golon und ihrer „Angelique“-Reihe. Ich weiß, dass viele Leute diese Bücher für Schmonzetten halten (aufgrund der Verfilmungen), aber das tut den Romanen großes Unrecht. Über 14 Bände (im Deutschen) wird ein Frauenschicksal erzählt, das den Test der Zeit wahrlich besteht, die Bücher sind auch heute noch modern und im Kern feministisch.
Sie beleuchten die dunklen Seiten des Menschen und wozu er fähig ist und haben mit ihrer Protagonistin eine der faszinierendsten, komplexesten Figuren der Literaturgeschichte geschaffen. Ich könnte Vorträge darüber halten, warum ich jederzeit meine Behauptung verteidigen würde, warum das ganz große Literatur ist – egal was die etwas kitschigen Cover vermuten lassen.
Andere Autoren, die ich sehr mag, sind Patrick Ness (dessen „Knife of never letting go“-Trilogie Schullektüre sein sollte, damit Kinder früh lernen, wie leicht es passieren kann, dass man auf Kriegspropaganda hereinfällt), Michael Nava, Don Winslow und natürlich Gillian Flynn und Jürgen Lodemann.

Wie lange dauerte es von der Idee bis zum fertigen Produkt?
Kommt darauf an. Ich fühle mich wohl, wenn ich für ein Manuskript ein Jahr habe. Inklusive der Zeit, in der ich nicht am Buch arbeite, weil es wichtig ist, Texte liegen zu lassen, um Abstand davon zu bekommen. Da Veröffentlichungen durch Verlage aber auch ihren Regeln folgen, kann es manchmal noch ein Jahr dauern, bis nach Abgabe des Textes auch das Buch erscheint.

Schreiben Sie mit der Hand, der Schreibmaschine, dem Computer? Wie darf man sich Ihren Arbeitsplatz vorstellen?
Den „richtigen“ Text schreibe ich mit Computer. Notizen, Recherche etc. auch gern mit der Hand. Ja, ich habe immer einen Stift in der Handtasche – aber nein, ich schreibe nicht im Café 😉 Das lenkt mich zu sehr ab. Mein Arbeitsplatz ist ein alter massiver Schreibtisch, neben mir ein Fenster, in einem winzigen Arbeitszimmer, vor mir ein Plakat mit unserem Sonnensystem und Fotos meiner Tochter an der Wand, auf der anderen Seite ein Bücherregal mit Romanen und den wichtigsten Regelwerken wie dem Duden, Fremdwörterlexikon und Synonymwörterbuch. Alles relativ aufgeräumt.

E-Books oder Papierdruck?
Im Moment noch Papier.

Was halten Sie von Eselsohren in Büchern?
Verhaften Sie diese Leute! 😉 Nein, ganz so streng bin ich nicht. Jeder darf mit seinen Büchern natürlich machen, was er will. Bei uns zu Hause gilt allerdings die Regel: Keine Eselsohren, kein geknickter Rücken und Weihnachten gibt es mindestens ein Buch geschenkt.

Nehmen Sie sich die Kritiken zu Ihren Büchern zu Herzen?
Inzwischen nicht mehr. Natürlich mache ich Fehler, manchmal gelingt ein Text besser oder schlechter, aber ich schreibe, wie ich schreibe. Manchmal gefällt es dem Leser, manchmal eben nicht.

Was ist das Geräusch/der Geruch Ihrer Kindheit?
Das Radio am Wochenende und die Parfüme meiner Mutter und Großmutter.

Welchen Kindheitstraum haben Sie sich noch nicht erfüllt?
Einen ganz banalen. Ich hätte gern ein Grundstück mit einem riesigen (wirklich riesigen) Pool. Ich liebe das Wasser. Dann könnte ich mit den Füßen im Wasser schreiben.

Wenn Sie mit einem Fingerschnipsen etwas in Ihrem Leben ändern könnten – was wäre es, und warum?
Wenn ich ein Fingerschnipsen und damit einen Wunsch frei hätte, würde ich sicherstellen, dass meine Tochter ein langes erfülltes Leben führt.

Welche Figur aus einem Roman oder einem Film würden Sie gerne treffen – und was würden Sie ihm / ihr sagen?
Siehe Antwort weiter oben: Angelique aus der gleichnamigen Reihe. Ich würde ihr sagen, dass ich auf jeder Seite mit ihr gelacht, geweint, geliebt, rebelliert, gehasst, verziehen und getrauert habe und durch sie gewachsen bin und hoffe, dass meine Tochter eines Tages eben so viel Freude an diesen Büchern haben wird wie ich.

Was bedeutet Familie für Sie?
Familie ist ein Hafen. Manchmal findet man ihn dort, wo man geboren wird, manchmal bei Leuten, die man erst später kennenlernt. Im Idealfall fügt sich beides zusammen.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?
„Was ich liebte“ von Siri Hustvedt. Zumindest die ersten zwei Drittel. Das Buch ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Text nicht perfekt sein muss, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Es geht nicht immer darum, was der Leser erwartet oder will, sondern was der Text in ihm beim Lesen bewirkt. Selbst wenn der Schluss meines Erachtens nicht ganz geglückt ist, sind die Seiten davor doch so gut, dass es keine Rolle spielt. Siri Hustvedt ist einfach eine tolle Autorin.

Lieblingszitat?
Es gibt zu viele.

Wie würden Sie sich in drei Wörtern beschreiben?
Ungeduldig, stolz und loyal.

Was ist Ihnen wichtig, am Ende eines oder vielleicht sogar: eines jeden Tages getan zu haben?
Kitschig, aber wahr: Meinem Kind vermittelt zu haben, dass ich es lieb habe.

Die beste Entscheidung Ihres Lebens war?
An den Menschen festzuhalten, die heute meine Familie bilden.

Wann können Ihre Leser mit dem nächsten Buch rechnen?
Im Herbst 2020. Es erscheint im Heyne Verlag.

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