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Interview mam Nicole Vosseler

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Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für diese Fragen nehmen!

Wann haben Sie bemerkt, dass Sie ein Talent zum Schreiben haben?
Zumindest kann ich mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich nicht irgendeine Geschichte im Kopf gehabt und mich fasziniert mit Sprache beschäftigt hätte.
Ob ich wirklich Talent habe, daran zweifle ich eigentlich jeden Tag. Dieser Selbstzweifel gehört aber genauso zu mir wie die Höhenflüge beim Schreiben. Ich brauche die Spannung zwischen diesen beiden Polen, um das Beste aus einem Text herauszuholen.

Wie hat sich Ihr Leben nach den ersten Veröffentlichungen verändert?
Wurden Sie vom Erfolg überrascht?
Die größte Veränderung war sicher, dass ich recht bald das Schreiben zum Beruf machen konnte. Am Erfolg hat mich überrascht, wie wenig er letztendlich das ganz normale Alltagsleben berührt. Wie unberechenbar er ist und wie flüchtig. Ich bin freier, im Leben wie im Schreiben, seit ich mich nicht mehr allein über Erfolg definiere. Vor allem, seit ich meine Erfolge nicht mehr an denen anderer messe.

War es schwierig für das erste Buch einen Verlag zu finden?
Solange ich es im Alleingang versuchte, ja. Sobald ich dann meinen heutigen Agenten hatte, ging es sehr schnell, innerhalb weniger Monate.
An die Zeit danach erinnere mich allerdings als eine sehr holprige, schwierige. Zum einen, weil alles rings um Lektorat etc. für mich absolutes Neuland war. Und dann war es eben wie so oft im Leben, wenn ein Traum in Erfüllung gegangen ist, man auf Wolken schwebt und die Realität wieder an die Tür klopft.

Was ist für Sie der schwierigere Moment – den ersten Satz zu schreiben oder den letzten?
Immer der erste. Die ersten fünfzig Manuskriptseiten generell, daran sitze ich am längsten, meistens mehrere Monate.
Außer natürlich, ich finde mich mitten in einer Pandemie wieder. Das hat meinen gewohnten Schreibrhythmus für einige Zeit komplett ausgehebelt.

Haben andere Autoren Sie beeinflusst – und wenn ja: Wie?
Mich beeinflusst jedes Buch, das ich während der Arbeit an einem Roman lese, ob Belletristik oder Sachbuch. Am meisten diejenigen, die rein gar nichts mit der Geschichte zu tun haben, an der ich gerade schreibe. Während des Lesens arbeitet mein Unbewusstes weiter an meinem eigenen Stoff und überrascht mich dann mit einem neuen Gedanken, einem Wort, einem Satz, einem bestimmten Ausdruck, nach dem ich zuvor vergeblich gesucht hatte.
Lesen macht kreativ, gar keine Frage.

Wie lange dauerte es von der Idee, bis zum fertigen Produkt?
Das ist eine Frage, die ich nie so genau beantworten kann, weil ich ständig mit neuen Ideen jongliere, während ich noch an einem Buch schreibe. Ein Jahr reine Schreibzeit ist meine Faustregel – aber die erweist sich in der Praxis als sehr dehnbar. Manche Bücher brauchen weniger Zeit, andere sehr viel länger.

Schreiben Sie mit der Hand, der Schreibmaschine, dem Computer? Wie darf man sich Ihren Arbeitsplatz vorstellen?
Völlig unspektakulär. Ein handelsüblicher Schreibtisch schwedischer Herkunft mit Blick auf den Balkon und in den Garten des Nachbarhauses. Laptop, jede Menge Post-Its und Karteikarten mit handschriftlichen Notizen und eine Tasse Tee.

EBooks oder Papierdruck?
Was halten Sie von Eselsohren in Büchern?
Ich befinde mich gerade in der Umstellungsphase von Papier zu Reader. Ich schätze die Vorteile des E-Books sehr, vermisse jedoch die schönen Cover, die Haptik eines Buches und sein Geruch, handschriftliche Notizen und Unterstreichungen und Klebezettel. Im Grunde sehe ich das aber ganz pragmatisch. Der Wert eines Buches ist unabhängig vom Medium und dem individuellen Umgang damit. Die wirkliche Magie spielt sich allein im Kopf des Lesers ab.
Trotzdem besitze ich Bücher, die eine besondere Bedeutung für mich haben. Spezielle Ausgaben, Bücher, die in meinem Leseleben eine wichtige Rolle gespielt haben und Bücher, die mit bestimmten Erinnerungen verbunden sind. Die hüte ich wie einen kostbaren Schatz.

Nehmen Sie sich die Kritiken, zu Ihren Büchern zu Herzen?
Inzwischen kaum noch.
Beim Durchzappen bin ich vor einiger Zeit auf einem Shoppingkanal gelandet, der eine Jeans anpries, die in nur einer einzigen Größe jeder, aber auch wirklich jeder Frau perfekt passen sollte, völlig unabhängig von Körperbau und Figur. Wenn man darüber nur mal zwei Minuten nachdenkt und sich seine eigene Jeans-Biografie ins Gedächtnis ruft, weiß man eigentlich, dass das komplett unmöglich ist.
Mit Büchern ist es genauso.

Was ist das Geräusch/der Geruch Ihrer Kindheit?
Das Rauschen der Birke vor meinem Elternhaus

Welchen Kindheitstraum haben Sie sich noch nicht erfüllt?
Fallschirmspringen

Wenn Sie mit einem Fingerschnipsen etwas in Ihrem Leben ändern könnten – was wäre es, und warum?
Nichts. Es ist gut so, wie es ist, mit allen seinen Stolpersteinen und Brüchen, mein kleines und ganz und gar unperfektes Leben. Schließlich ist es genau dieses Leben, das mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Das mich immer noch weiter formt und schmirgelt und dabei wachsen lässt.

Welche Figur aus einem Roman oder einem Film würden Sie gerne treffen – und was würden Sie ihm / ihr sagen?
Da muss ich passen, das Bedürfnis kenne ich nicht. Bei historischen Persönlichkeiten gäbe es indes für mich kein Halten mehr. Ich könnte den Rest meines Lebens damit verbringen, durch die Vergangenheit zu reisen und sie mit allen Sinnen zu erforschen.

Was bedeutet Familie für Sie?
Wo meine Wurzeln liegen

Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Lieblingszitat?
Bücher sind Wegbegleiter. Für mich markiert jedes Lieblingsbuch eine Etappe auf meinem Weg, einen Meilenstein im Leseleben. Mein letzter Meilenstein war „A Little Life“ von Hanya Yanagihara. Ein Tsunami von einem Buch. Mittendrin wusste ich schon voller Bedauern, dass ich sehr, sehr lange kein Buch mehr finden würde, das mich derart packt, überwältigt und verschlingt wie dieses.
Mit Zitaten ist es ähnlich. In letzter Zeit hat mich eines von Hilde Domin begleitet: „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug.“

Wie würden Sie sich in drei Wörtern beschreiben?
Introvertiert. Freiheitssüchtig. Zwangsneurotisch.

Was ist Ihnen wichtig, am Ende eines oder vielleicht sogar: eines jeden Tages getan zu haben?
Frieden mit diesem Tag und mit mir selbst geschlossen zu haben

Die beste Entscheidung Ihres Lebens war?
Mich auf eine Therapeutencouch zu legen

Wann können Ihre Leser mit dem nächsten Buch rechnen?
Im November, mit dem zweiten Band meiner Eisbaronin-Saga

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