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Interview mam Thomas Kiehl

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Foto: privat

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für diese Fragen nehmen!

Wann haben Sie bemerkt, dass Sie ein Talent zum Schreiben haben?
Ich glaube, um Bücher zu schreiben, bedarf es sicherlich auch Talent. Aber vor allem bedarf es den Willen und das Durchhaltevermögen, sich über Tage und Jahre mit einer Sache zu beschäftigen, die möglicherweise am Ende niemanden interessiert. Das kann man nur, wenn man für diese Sache brennt. Das kann ich für mich behaupten. Schreiben fasziniert mich schon seit der Schulzeit. Gerade den Schreibprozess an sich finde ich unglaublich spannend. Er ist wie eine kleine Schatzsuche, auf der ich ständig neue Entdeckungen mache. Und ich liebe Schätze!

Wie hat sich Ihr Leben nach den ersten Veröffentlichungen verändert?
 Wurden Sie vom Erfolg überrascht?
Viele neue Einträge im Internet. Sonst eigentlich nichts. Und zum Erfolg: Den bemisst man ja in der Regel an den Verkaufszahlen. Wenn ich plötzlich auf den Bestsellerlisten stehen würde, dann wäre das tatsächlich eine schöne Überraschung. Das ist allerdings bisher noch nicht der Fall. Aber das positive Feedback – egal ob im Netz, in Zeitungen, auf Lesungen oder im Fernsehen – freut mich riesig und gibt mir viel Kraft fürs nächste Werk.

War es schwierig für das erste Buch einen Verlag zu finden?
„Die Ameisenfrau“ ist nicht mein erstes Buch. Es liegen noch ein paar Werke in der Schublade, mit denen ich es bei Verlagen versucht hatte. Daher weiß ich, dass es sehr schwierig ist, einen Verlag zu finden. Mit der „Ameisenfrau“ konnte ich sofort eine Agentur überzeugen. Und dann klappte es plötzlich auch schnell mit der Verlagssuche.

Was ist für Sie der schwierigere Moment – den ersten Satz zu schreiben oder den letzten?
Ich würde lieber vom Anfang und Ende sprechen. Und beides finde ich nicht leicht zu schreiben. Der Anfang ist unglaublich wichtig. Er muss den Leser ins Buch ziehen. Ich passe ihn etliche Male an. Man sagt, das Ende eines Buchs würde das nächste Buch verkaufen. Da ist viel Wahres dran. Einem sehr guten Roman verzeiht man vielleicht ein mittelmäßiges Ende. Kurzgeschichten schon nicht mehr. Was das Schreiben des Endes für mich im speziellen schwierig macht ist, dass ich es nur begrenzt vorausplanen kann. Während des Schreibens passiert bei mir noch viel. Figuren übernehmen plötzlich den Plot. Da muss man dann das Vertrauen haben, offen zu bleiben.

Haben andere Autoren Sie beeinflusst – und wenn ja: Wie?
Ich finde Hermann Koch großartig. Ich mag es, wenn Autoren ein interessantes Thema mit einer spannenden Geschichte verknüpfen können. Er hat dazu noch eine Art Humor, die mir liegt. Und seine bösen, ambivalenten Figuren, regen unglaublich zum Denken an.
Hat er mich beeinflusst? Ich denke nicht. Aber Lesen ist für mich immer wie ein Dialog mit dem Autor. Und Dialoge beeinflussen ja dann doch.

Wie lange dauerte es von der Idee, bis zum fertigen Produkt?
Sehr unterschiedlich. Manchmal gibt es Ideen, die funktionieren sofort. Die lassen sich dann recht schnell herunterschreiben. Bei dem Buch »Die Ameisenfrau« war das anders. Anfangs haben mich nur die soziologischen Gedanken interessiert, die ich unbedingt in eine spannende Geschichte einfließen lassen wollte. Die Idee, dass unsere Gesellschaft zu einem Täter wider besseres Wissen wird – das System und nicht das Individuum als Mörder – das hat mich nicht mehr losgelassen. Später kam dann erst die Idee mit den Ameisen und der Biologin, die den Fall löst. Dieser ganze Prozess zog sich über Jahre.

Schreiben Sie mit der Hand, der Schreibmaschine, dem Computer? Wie darf man sich Ihren Arbeitsplatz vorstellen?
Ich schreibe ausschließlich mit dem Computer.
Als ich mit dem Schreiben begann, war ich von der Idee fasziniert, meinen Arbeitsplatz in ein Café verlegen zu können. Ein leckerer Kaffee, nette Bedienungen, schöne Musik im Hintergrund, am besten noch der Blick aufs Meer. So stellen sich, glaube ich, viele das Leben als Autor vor. Dann habe ich festgestellt, dass das für mich nicht funktioniert. Ich brauche absolute Ruhe und Platz. Am besten arbeite ich zu Hause in meinem Arbeitszimmer an einem höhenverstellbaren Schreibtisch mit einem riesigen Monitor, auf dem ich zwei Buchseiten gleichzeitig anzeigen lassen kann. Eine Kanne Tee. Studentenfutter für den kleinen Hunger. Eigentlich nicht spektakulär. Ich hätte Ihnen lieber von dem Café erzählt.

EBooks oder Papierdruck?
Was halten Sie von Eselsohren in Büchern?
Eindeutig Papier. Nur im Urlaub lade ich mir schon mal ein Buch runter, damit ich mein Gepäck entlaste. Und Eselsohren mag ich gar nicht. Selbst Taschenbücher sind mir dazu zu heilig.

Nehmen Sie sich die Kritiken, zu Ihren Büchern zu Herzen?
Kritiken sind nicht angenehm. Sie zwingen einen, sich noch einmal mit möglichen Schwachstellen im Buch auseinanderzusetzen. Aber man kann durchaus aus ihnen lernen. Allerdings muss man da vorsichtig sein. Kennen Sie diese Leute, die sich eine Cola bestellen und dann darüber ärgern, dass sie zu süß ist? Wenn man aus Kritiken lernen möchte, muss man versuchen zu verstehen, was den Kritiker wirklich stört. Hat er zum falschen Buch gegriffen, wurden individuelle Erwartungen (oder der Geschmack) enttäuscht oder hat er tatsächlich etwas entdeckt, was man hätte besser (und nicht nur anders) machen können? Das relativiert einiges und bringt zumindest mich immer weiter.

Was ist das Geräusch/der Geruch Ihrer Kindheit?
Limetten. Mein Großvater brachte sie aus Brasilien mit. Damals konnte man Limetten in Deutschland noch nicht kaufen. Immer wenn ich Limetten rieche, bekomme ich Fernweh und will vereisen.

Welchen Kindheitstraum haben Sie sich noch nicht erfüllt?
Einmal um die Welt zu segeln. Leider glaube ich nur, dass mein Magen das nicht mitmachen würde.

Wenn Sie mit einem Fingerschnipsen etwas in Ihrem Leben ändern könnten – was wäre es, und warum?
Mehr Zeit haben. Schreiben, Lesen, Musik, Sport, gemeinsame Zeit mit meiner Familie, mit Freunden. Der Tag hat eindeutig zu wenig Stunden. Oder ich schlafe zu viel.

Welche Figur aus einem Roman oder einem Film würden Sie gerne treffen – und was würden Sie ihm / ihr sagen?
Yoda aus Star Wars. Und sagen würde ich: „Coole Ohren. Und jetzt bring mir das mit dem Schweben bei.“

Was bedeutet Familie für Sie?
Sehr viel. Mein neues Buch wird im wesentlichen davon handeln. Mein Familie bedeutet mir alles.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Lieblingszitat?
Lieblingsbuch. Nein. Es gibt einfach zu viele tolle Bücher. Mit Zitaten geht es mir ähnlich. Und sie nutzen sich leider so schnell ab. Vor allem aber habe ich diesbezüglich ein schlechtes Gedächtnis. Ich bewundere Menschen, die in Talkshows immer das passende Zitat auf den Lippen haben. Wo zaubern die das her? Vielleicht doch eines, das Marilyn Monroe gesagt haben soll: »Ist Ihnen aufgefallen, dass ›Ach, was soll’s?‹ immer die richtige Entscheidung ist?«

Wie würden Sie sich in drei Wörtern beschreiben?
Moment, ich frage mal meine Kinder: Lustig.
Jetzt meine Mutter: Unbelehrbar.
Und jetzt noch meine Frau: Sie sagt mitreißend, denkt aber unordentlich.

Was ist Ihnen wichtig, am Ende eines oder vielleicht sogar: eines jeden Tages getan zu haben?
Ich müsste jetzt sicher sagen: »Einen Menschen glücklich gemacht zu haben.« Doch ganz ehrlich: Wenn ich drei Stunden Zeit zum Schreiben finde, dann bin ich meistens am Abend sehr zufrieden.

Die beste Entscheidung Ihres Lebens war?
Kinder in die Welt zu setzen. Und meinen Job als Führungskraft an den Nagel zu hängen, um mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

Wann können Ihre Leser mit dem nächsten Buch rechnen?
Im Frühjahr 2021. Lena Bondroit, die Protagonistin aus „Die Ameisenfrau“ wird in einen neuen Fall hineingezogen. Es wird um Wölfe gehen, um das System Familie, um eine scheinbar unzerstörbare Männerclique und einen Clan. Rudel, Familie, Clan, Freundschaften. Was macht diese Gemeinschaften aus? Was hält uns zusammen, was treibt uns auseinander?

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