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Interview mam Martin Wehrle

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Foto:  A. Heeger

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für diese Fragen nehmen!

Wann haben Sie bemerkt, dass Sie ein Talent zum Schreiben haben?
Schon als Kind. Ich habe immer gern Geschichten erzählt. Es war toll, dass die anderen dann gebannt zugehört haben. Später begann ich, Leserbriefe zu schreiben. Und mit Anfang 20 wurde ich schon hauptberuflicher Journalist. Später schrieb ich dann über 30 Sachbücher, letztes Jahr folgte mein erster Krimi „Die Ratte“ – und dieses Jahr der zweite: „Die Schlange“. In diesem Krimi geht eine verdeckte Ermittlerin den Machenschaften einer Immobilienfirma nach. Die Story ist fiktiv, aber alle fiesen Methoden der Immobilienhaie sind der Realität entnommen. Kaum zu glauben, dass es in der Realität schon Anschläge auf das Leben von Mietern gab.

Wie hat sich Ihr Leben nach den ersten Veröffentlichungen verändert?
Wurden Sie vom Erfolg überrascht?
Der Erfolg kam nicht sofort! Es war mein elftes Sachbuch, „Ich arbeite in einem Irrenhaus“, das den großen Durchbruch brachte. Es stand über 150 Wochen in der Spiegel-Bestseller-Liste. Die Bücher davor liefen auch gut, aber von „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ haben sich an einem guten Tag im Weihnachtsgeschäft mehr Exemplare verkaufte als von anderen Büchern im ganzen Jahr. Diese Dimension des Erfolges hat mich überrascht.

War es schwierig für das erste Buch einen Verlag zu finden?
Dieses Buch hieß „Geheime Tricks für mehr Gehalt“, und ich habe als Ex-Chef die Geheimnisse der Gehaltsverhandlung verraten. Die Verlagssuche war leicht: Der Literaturagent Thomas Montasser, mit dem ich bis heute arbeite, hat nach der Lektüre meiner Leseprobe gesagt: „Bis Weihnachten habe ich einen Verlag gefunden!“ Dazu muss man wissen: Es war schon Ende November. Ich dachte: Entweder der Mann ist ein Sprücheklopfer – oder er weiß genau, was er tut. Er wusste es: Mitte Dezember war der Vertrag unter Dach und Fach.

Was ist für Sie der schwierigere Moment – den ersten Satz zu schreiben oder den letzten?
Der erste Satz ist mit Abstand schwieriger. Er gibt die Tonlage eines ganzen Buches vor und muss wie eine Rutsche wirken – sodass der Leser, ob er will oder nicht, in die Geschichte gleitet. Mein aktueller Roman „Die Schlange“ beginnt mit dem Satz: Als ich meine Augen wieder öffnete, lag ich auf dem Boden, beide Hände an ein Metallrohr gefesselt. Es handelt sich um eine Rückblende, deren Sinn sich später erschließt.

Haben andere Autoren Sie beeinflusst – und wenn ja: Wie?
Klar, jeder Autor wird von dem, was er gelesen hat, bewusst oder unbewusst gelenkt. Zu meinen Lieblingsschriftstellern gehörten Bert Brecht, Franz Kafka, Erich Kästner und Martin Walser. Sie alle schaffen es, schwere Stoffe mit ganz leichter Feder zu Papier zu bringen. Das ist auch mein Anspruch, denn ich finde: Es darf keinen Unterschied zwischen U- und E-Literatur geben. Jedes Thema lässt sich unterhaltsam und kurzweilig präsentieren – sofern der Autor seinen Job gut macht.

Wie lange dauerte es von der Idee, bis zum fertigen Produkt?
Das können schon mal zwei, drei Jahre sein. Erst ist da der Funke einer Idee, der immer wieder im Hinterkopf aufglüht. Und dann, mit etwas Glück, breitet sich sein Feuer aus. Idealerweise MUSS ich das Buch einfach schreiben, weil es aus mir heraus will. Womit wir bei der alten Frage sind, wer eigentlich wen auswählt: der Autor seinen Stoff – oder der Stoff seinen Autor? Ich bin da unsicher.

Schreiben Sie mit der Hand, der Schreibmaschine, dem Computer? Wie darf man sich Ihren Arbeitsplatz vorstellen?
Ich schreibe meine ersten Fassungen am Stehpult von Hand. Zum Beispiel habe ich an „Die Schlange“ immer von fünf bis zehn Uhr morgens gearbeitet. Danach ließ ich die handgeschriebenen Seiten ein paar Stunden ruhen, ehe ich sie auf den Computer übertrug und dabei schon redigierte. Das Redigieren dauert bei mir deutlich länger als das Schreiben – etwas die dreifache Zeit.

EBooks oder Papierdruck?
Was halten Sie von Eselsohren in Büchern?
Ich will alles, was ich liebe, berühren – und zwar nicht nur in Gedanken. Ich will ein Buch anfassen können! Für mich sind E-Books bei einer Recherche in Ordnung. Aber wann immer es um meinen Lesegenuss geht, brauche ich ein Buch auf Papier. Und beim Lesen unterstreiche ich Wichtiges und mache mir Notizen. Das gehört für mich dazu.

Nehmen Sie sich die Kritiken, zu Ihren Büchern zu Herzen?
Ein Autor, der das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner. Oder ein schlechter Autor. Denn wer gute Bücher schreiben will, muss seine Seelentür weit offen haben – nur so kann er die feinen Schwingungen der Welt einfangen. Und durch diese Tür marschieren auch die Kritiken direkt ins Herz. Natürlich kann ich das rationalisieren. Und ich kann auch unterscheiden zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik. Aber weht tut es immer – denn ich schreibe Bücher, um Menschen zu unterhalten und zu beglücken.

Was ist das Geräusch/der Geruch Ihrer Kindheit?
Das Plätschern des Schwarzwaldbaches, der 50 Meter hinter meinem Elternhaus floss. Meine Mutter erzählt, sie habe mich, wenn ich als Baby unruhig war, zum Bach gefahren – und dort sei ich still geworden. Ich musste also Hobbyangler werden. Die Protagonistin in „Die Schlange“, Susanne Mikula, ist übrigens auch Anglerin. Und in einer Schlüsselszene des Buches hat sie eine ganz gefährliche Begegnung an einem nächtlichen Ufer.

Welchen Kindheitstraum haben Sie sich noch nicht erfüllt?
Fußballprofi zu werden! Ich habe es zwar mal zum Torschützenkönig meiner Mannschaft in der untersten Liga gebracht. Aber insgesamt hat mir das große Talent gefehlt.

Wenn Sie mit einem Fingerschnipsen etwas in Ihrem Leben ändern könnten – was wäre es, und warum?
Ich würde alles so lassen – weil ich mit Wilhelm Busch glaube, dass Wünsche, die man sich erfüllt, augenblicklich Junge kriegen. Und alles, was mir weniger gefällt in meinem Leben, erfüllt am Ende des Tages doch einen Zweck. „Gegenwind macht Flügel“, schreibt Heinz Rudolf Kunze, mein liebster Songwriter.

Welche Figur aus einem Roman oder einem Film würden Sie gerne treffen – und was würden Sie ihm / ihr sagen?
Ich würde mich gern mit Susanne Mikula unterhalten, der Heldin aus „Die Schlange“. Ich würde sie fragen: „Susanne, mal ehrlich, wer hat dieses Buch geschrieben: du oder ich?“ Denn ich hatte beim Schreiben oft das Gefühl, ihr Charakter habe eine Eigendynamik entwickelt. Das gilt nicht zuletzt für die Schlussszene des Buches, in der ihr Leben auf der Kippe steht.

Was bedeutet Familie für Sie?
Ich sage immer: Heimat ist dort, wo jemand auf dich wartet. Dabei kommt es vor allem auf eine Verwandtschaft an, die noch wichtiger als die des Blutes ist: Seelenverwandtschaft.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Viele Lieblingsbücher, von Lyrik bis Belletristik. Das beste Buch, das ich im letzten Jahr gelesen habe, war: „Alle Toten fliegen hoch“ von Joachim Meyerhoff. Die ganze Romanreihe ist brillant.

Lieblingszitat?
„Man sieht nur, was man weiß“, hat Goethe geschrieben. Darum sieht jeder von uns seine eigene Welt. Und jeder liest sein eigenes Buch.

Wie würden Sie sich in drei Wörtern beschreiben?
Ich glaube, kein Mensch passt in drei Worte. Jeder hat viele Seiten.

Was ist Ihnen wichtig, am Ende eines oder vielleicht sogar: eines jeden Tages getan zu haben?
Ich möchte mich weiterentwickelt haben – wenn es jeden Tag nur ein Millimeter ist, komme ich im Laufe der Zeit doch gut voran.

Die beste Entscheidung Ihres Lebens war?
Dass ich das Schreiben zu meinem Beruf gemacht habe – schon mit 21 Jahren.

Wann können Ihre Leser mit dem nächsten Buch rechnen?
Dieses Frühjahr sind zwei erschienen: Das Sachbuch „Ich könnte ihn erwürgen – Vom einfachen Umgang mit schwierigen Menschen“. Und der genannte Kriminalroman „Die Ratte“. Im kommenden Frühjahr steht wieder ein Sachbuch an. So viel sei verraten: Es wird darum gehen, wie sich nette Menschen in dieser rauen Welt behaupten können.

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